Stephan Potengowski
Künstler



Skulpturentuning


Potengowski + Käsmann auf der Überholspur

P
ressetext:

Fast 20 Jahre ist es her, dass zwei junge Burschen gemeinsam die 3-jährige Ausbildung zum Holzbildhauer in Bischofsheim vor der Rhön, einer kleinen Stadt in Unterfranken, absolvierten.

Das Wiedertreffen in Tübingen führte zur Zusammenarbeit und zum Betrieb einer gemeinsamen Werkstatt. In welcher, wie in Bildhauerkreisen üblich, vom Getriebetausch über Auftragsarbeit bis hin zum Bierfest jegliche Art der Werkstätigkeit anzutreffen ist.

Einen ausgewählten Teil ihres Fuhrparks haben die beiden nun in die Kulturhalle gebracht.

Bisher eigenständige und aus unterschiedlichen Beweggründen entstandene Arbeit wurden dort verschweisst, vernagelt oder verschraubt.

"Sachte nimmt der kleine Panzer den Wohnwagen an den Haken und die beiden begeben sich auf die Reise. Sie treffen Import- Export Jackson, der seinen LKW mit schnellen Flitzern beladen hat, und über allem zieht die Natter ihre Kreise..."

Skulpturentuning ist ein gemeinsames Ausstellungsprojekt
zusammen mit   dem Künstler Beppo Käsmann.

Die erste Präsentation unter dem  Titel :
Skulpturentuning, Potengowski + Käsmann auf der Überholspur
war vom 7.2.-1.3.2008 in der Kulturhalle Tübingen zu sehen.








Einführungstext von Edgar Braig

Tuning

Wir sind hier her gelockt worden mit einem Versprechen. Hier wird Kunst getunt.
Und der Fokus unserer Sehnsucht richtet sich auf dieses Abgestimmte, Geglättete,
Fetischhafte. Denn wir wissen: Heute kann alles getunt werden: Unsere Stereo-
Anlage, der Computer, Frisur, Körper (body-tuning) und jede nur denkbare
Oberfläche. Neulich las ich auf dem Lieferwagen eines Raumausstatters:
Fußboden-Tuning. Zu aller erst aber natürlich Motoren und Autos. Jetzt sind wir
beim zentralen Objekt jedes Tuning-Bemühens angelangt, dem Automobil, "der
Karre". Tuning, so steht es im Brockhaus ist die Maßnahme zur Steigerung der Fahrleistung.
Jetzt können wir uns also fragen: Was wird beim Skulpturen-Tuning gesteigert?
Potengowski und Käsmann treten mit dem Versprechen an uns heran und
mobilisieren unsere Sehnsucht. Wird also unsere Vorstellung getunt? Oder die
Bildwelt selbst?
    Und dies führt uns mitten hinein in eine wesentliche Problematik der
bildenden Kunst, die heutzutage einerseits den Verlust einer realen Identität
proklamiert, sich gleichzeitig aber die Wirklichkeit, ihre Wirklichkeit, in Form von
Kunstwerken neu zusammensetzt. Ist die Welt nicht oft eine logisch, unendliche
Informationslast?

Skulpturen, Skulptör

Gott sei Dank! Der Künstler ist eine ehrliche Haut. Auch wenn er uns
blendet, uns Fallen stellt, uns zu überreden versucht, uns mit Miniaturen an unserer
Kindheit kitzelt, hat er doch ein Handwerk gelernt. Beginnt er wie Potengowski und
Käsmann mit einer soliden Holzbildhauer-Ausbildung und schließt ein Kunststudium an. Mutiert dann aber rasch zum Bildsäger, Bilderkonstruktör und Bastler (im besten Wortsinn) und zum Konzeptionellen. Während Beppo Käsmann sein
Oberflächentuning als reine Motorsägen-Spur zieht, zeigt uns Stephan Potengowski über einer oft fragilen Unterkonstruktion eine täuschend echte, gespannte, glatte
Oberfläche. Beide signalisieren aber, weil eben ehrlich: hier handelt es sich um
Nachbildungen, besser um Neubildungen und so haben wir jetzt die Originalen vor
uns.

Attrappe

Wir sitzen der Täuschung nicht auf. Signalisiert die Wahl des Maßstabs, der bei
Potengowskis Arbeiten von der Größe seines Sohnes Nicolai abgeleitet ist, dass es
sich vordergründig um keine Falle handelt, in die wir Kunst-Beflissenen tappen
können. Vielmehr werden die Verhikel wieder zu Katalysatoren unserer Sehnsucht
und unserer Erinnerung. Zurück in die Kindheit mit Matchbox-Auto und der
Geschichte vom Raumfahrt-Hund Laika. Ihn im All besuchen?
    War ja auch keine Frage, dass dies ein Traum bleiben würde. Das Leben ist
kein Ponyhof. Und die Kunst ist kein Legoland, wo nur die Miniatur punktet. Deshalb
ist eine Atrappe auch kein moralisches Problem, sondern nur der Ausgangspunkt
für weitfliegende Recherchen. What you see is what you see. Die Entfernung und
Fremdheit ist im Verhältnis zum tatsächlich im Alltag Vorhandenen genauestens
markiert und auch so gemeint. Ob die Sandform, die einen Miniatur-Gugelhupf
abbildet, tatsächlich gegessen wird? Ob die Zementform, die einen Porsche
abbildet wirklich im Stau steht?

Stehender Verkehr

Jedenfalls befinden sich zwei Künstler auf der Überholspur. Und beweisen ein
Höchstmaß an Mobilität. Wo Wolf Vostell seinen Cadillac in Beton gießt und
"stehenden Verkehr" konstantiert, zeigt Käsmann und Potengowski auch bei
hohem Verkehrsaufkommen Humor und verwirren uns mit kalkulierten
Systembrüchen. So sind wir zum Beispiel an Fred Feuerstein den lustigen
Troglodyten mit Fußbetrieb-Auto und Saurier-Staubsauger erinnert, wenn wir uns
den Holzpanzer anschauen. Urzeitlich, urkomisch. Können wir uns dieses
Raupending auf einem Spielplatz vorstellen, wo es die Kinder zum Klettern und
Ballern einläd?
Sie sehen es bleiben viele Fragen...
    Würde man den Eriba-Wohnwagen - er stammt übrigens vom selben
Konstruktör (Erich Bachen) wie das Kamikazeflugzeug, die Natter, - mit Flügeln
und Triebwerk versehen, könnte er dann zu seinem Jungfernflug starten? Einmal?
    Wenn Herr Käsmann eine wirklich kleine Motorsäge benutzen würde, könnte
er dann auch ein Match-Box Auto aussägen?